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Geschichte der TypografieWarum die Fraktur-Schriften aus der Lesetypografie verschwunden sind

Die gegenwärtige Landschaft der Typografie ist durch eine schier unendliche, fortwährend steigende Anzahl an zur Verfügung stehenden Schriftarten gekennzeichnet. Aufgrund des computerbasierten Schriftsatzes und der digitalisierten Schriftgestaltung ist eine Entschleunigung dieses Prozesses nicht absehbar. Es scheint daher um so bemerkenswerter, dass im Vergleich zur zunehmenden Menge an einzelnen Schriften, die übergeordnete Schriftgattung der westlichen Leseschriften (Antiqua, Grotesk und ehemals: Fraktur) in der kulturellen Alltagspraxis um eine ehemals essentielle Klasse ärmer geworden ist.

Die Leseschriften: Antiqua, Grotesk & Fraktur

Schriftsippen bzw. Leseschriften im Vergleich

Historie der Fraktur

Die Frakturschriften – typografisch korrekt bezeichnet man sie eigentlich als »gebrochene Schriften« – sind nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Kanon der gängigen Satzschriften getilgt worden. Dabei zeichnet sich die Fraktur durch eine besonders schicksalshafte Historie aus, die als ein Spiegelbild der kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen betrachtet werden kann.

Nachdem Gutenberg 1450 den Buchdruck erfunden hatte und damit die Buch- und Druckkunst revolutionierte, war eine ästhetische Zäsur in der Schriftgestaltung notwendig, um den formalen Ansprüchen der neuen Reproduktionstechnologie gerecht zu werden. Die Möglichkeit der rasanten und flächendeckenden Publikation von Informationen war zugleich ein Katalysator des Konflikts zwischen den Anhängern der Reformation und denen der katholischen Kirche. Es entwickelte sich ein Konfessionsstreit, der sich immer mehr zu einem Wettstreit über die Hoheit der Schriftgattung wandelte. Deutschsprachige Texte wurden vornehmlich in der Fraktur gedruckt, die als nationales Kulturgut in der Bevölkerung hohes Ansehen genoss. Die katholischen Fürsten hingegen ließen die lateinischen Texte traditionell in der noch heute gebräuchlichen Antiqua setzen. Mit der Hinwendung der Humanisten zu einer europäischen Bildungsgemeinschaft, wurde in wissenschaftlichen Kreisen zunehmend die Antiqua präferiert. Aus der anfangs im konfessionellen Bereich angesiedelten Konkurrenz zwischen der Antiqua und der Fraktur, entwickelte sich ein ideologischer Schriftstreit, der über mehrere Jahrhunderte andauern sollte. Die Ideale der Französischen Revolution, die Intellektuelle und Wissenschaftler Abstand von der Fraktur nehmen ließen, verloren mit der Besetzung deutscher Gebiete durch Napoleon schnell an Zuspruch. Das Volk sah in der Fraktur mehr denn je ein nationales Kulturgut, das es zu bewahren galt. Obwohl die gebrochene Schrift in deutschen Gebieten zunächst als Amtsschrift eingeführt wurde, nahm ihre Bedeutung im Zuge von internationalen, wirtschaftlichen sowie kulturellen Verflechtungen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts stetig ab. Traditionsbewusstsein, ästhetischer Anspruch und Wahrung der nationalen Identität standen den Ansprüchen einer internationalen Ausrichtung sowie einer effektiveren Lesbarkeit gegenüber. So hatte die Fraktur in den Dreißiger Jahren ihre europaweite Relevanz weitgehend eingebüßt.

Das änderte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie feierten die Fraktur aufgrund ihrer deutschen Wurzeln und führten sie daher wieder als Amtsschrift ein. Die Ursprünge sind historisch gesehen jedoch vielfältiger und reichen u.a. bis nach Frankreich. Als eine angeblich von Juden erschaffene Schrift, wurde die Fraktur dann überraschend vom Nazi-Regime verboten. Der eigentliche Grund war, dass in den international besetzten Gebieten eine Schriftkommunikation mit den Frakturschriften nicht mehr möglich war. Sie wurde dort schlicht nicht mehr gelehrt. Das internationale Machtstreben Hitlers war inzwischen wichtiger geworden, als das Festhalten an einer ideologisch überhöhten Schrifttradition. Dieses Vorgehen entsprach dem nationalsozialistischen, menschenverachtenden Kalkül, in dem historisch absurde Verzerrungen noch eines der geringfügigsten Übel gewesen sind. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Schicksal der Frakturschriften dann endgültig besiegelt. Obwohl sie nach dem Mauerbau in Ostdeutschland ein historisch unbefangenes Nischen-Dasein fristeten, ist eine offizielle Rehabilitierung der Fraktur ausgeblieben. Aktuell findet die Fraktur vor allem in der dekorativen Schriftgestaltung und der traditionellen Logo-Ästhetik anklang.

Fraktur-Schriften im modernen Zeitungslayout

Schriftgeschichte und Typografie

Lesbarkeit & Ästhetik der Fraktur

Über die historischen Konnotationen hinaus bleibt zu erörtern, inwiefern die formale Anmutung bzw. die Ästhetik der Fraktur zu ihrem Niedergang beigetragen haben könnte. Ihre augenscheinliche Herkunft vom Schreiben (wie mit einer Breitfeder geschrieben) entspricht nicht mehr den Ansprüchen an eine moderne Leseschrift, die sich von geschriebener Schrift eindeutig zu unterscheiden und möglichst neutral zu erscheinen hat. Der Formenduktus der Fraktur und die ihr damit verliehene persönliche Ausdruckskraft, dürfte mithin einer der Gründe sein, weshalb sie als altertümlich und nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen wird. Überdies ist zu vermuten, dass die bessere Lesbarkeit der Antiquaschriften die Profilierung gegenüber der Fraktur beschleunigt haben könnte. Die Lesbarkeitsforschung kann dazu keine hinreichend objektiven Aussagen treffen. Zwar lässt sich inzwischen feststellen, dass die Antiqua kognitiv schneller erfassbar ist, jedoch ist dieser Effekt vielmehr auf die sich veränderten Lesegewohnheiten zurückzuführen. Wie gut eine Schrift lesbar ist, ist davon abhängig, wie sehr eine Schrift innerhalb eines Kulturkreises gebräuchlich geworden ist. Die Fraktur ist schon seit geraumer Zeit keine Standardschrift mehr. Eine objektive Vergleichbarkeit ist daher nicht gegeben. Nichtsdestotrotz muss der Antiqua inzwischen eine bessere Lesbarkeit konstatiert werden, da sie mit all ihren Auszeichnungsmöglichkeiten weitaus mehr typografische Kriterien einer modernen Satzschrift erfüllt.

Mit dem Verlust ihres Status als Satzschrift hat die Fraktur an ästhetischer Qualität verloren, da ihre aisthetische Funktion, im Sinne der Verbesserung des Erkenntnisvermögens, abgenommen hat. Die artistischen, kunstbezogenen Eigenschaften können den gebrochenen Schriften zu einem gewissen Anteil zugeschrieben werden, da sie vereinzelt noch als dekorative Schriften Verwendung finden. Ob sie hingegen als schön gelten, ist wiederum subjektabhängig. Denn abseits der ästhetisch formalen Kriterien, nimmt die Filterung in der individuellen Wahrnehmung einen entscheidenden Anteil an der Schriftbeurteilung. Es ist immer das Individuum, das durch sein subjektiv gefärbtes Empfinden, sein Schriftbewusstsein und seine psychologische Konstitution die Wirkung einer Schrift kognitiv und emotional filtert. Wie ein Leser den rezipierten Inhalt wahrnimmt und mit der Ästhetik der verwendeten Schrift verknüpft, ist stets durch seine subjektiv-ästhetischen Befindlichkeiten mitbestimmt. Auch wenn die ästhetischen Formen der Fraktur bei vielen Menschen ähnliche Gefühle hervorrufen, ist die modulierende, individuelle Wahrnehmungsebene an die Erfahrungen, das Schriftwissen, die Erinnerungen, die Erwartungen, die Interessen, den Grad der Aufmerksamkeit, den Interpretationsrahmen, das subjektiv-ästhetische Empfinden, die psychische Verfassung und die persönlichen Vorlieben der Rezipienten gebunden.

Kollektives Schriftbewusstsein

Neben der Subjektabhängigkeit bedingen die national-kulturellen Prägungen die kollektiv-emotionalen Wahrnehmungen und Beurteilungen der gebrochenen Schriften. Daher unterscheidet sich zum Beispiel das kollektive Schriftbewusstsein von Amerika – dort gilt die Fraktur als historisch unbelastete Schrift – von dem in Deutschland und den angrenzenden europäischen Ländern. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sich die Fraktur als Schrift eignet, um traditionelle Gefühle zu evozieren. Welche Wirkung letztlich erzeugt wird, ist zudem vom Medieninhalt abängig. Wie die Fraktur beurteilt wird, wird in letzter Instanz vom vermittelten Inhalt und den Motivationen der Herausgeber forciert. Es ist ein gravierender Unterschied, ob mit Hilfe der Fraktur Neonazi-Gruppierungen rechte Parolen, traditionsbewusste Zeitungen Informationen oder Dichter lyrische Verse publizieren wollen. Dabei nimmt auch das Ausmaß des Stilwillens des Gestalters darauf Einfluss, wie betont die Bezüge zwischen Inhalt und Form ausfallen.

Die Fraktur als Abbild kultureller Umwälzungen

Wie am Beispiel der Fraktur deutlich wird, kann Schrift eine ästhetische Reflexionsfläche für gesellschaftliche, kulturell-soziologische, ideologische und konfessionelle Veränderungen darstellen. Schriftästhetik und Weltanschauung stehen in unmittelbarer Kohärenz zueinander. Typografie kann daher als ein partielles Abbild kultureller Umwälzungen gesehen werden. Die vielseitige Historie der Fraktur hat sich zwangsläufig in ihren Konnotationen manifestiert. In der Folge hat sich eine vielfältig divergierende Wahrnehmung im kollektiven Schriftgedächtnis entwickelt, das von jahrhunderterlanger Tradition, Deutschtümelei, Ewiggestrigem, traditionsreichen Kulturgut bis hin zur nationalsozialistischen Behaftung reicht. Historisch betrachtet ist die Fraktur keine Nazischrift. Ihr Missbrauch, die mangelnde Aufklärung sowie der gegenwärtige Gebrauch im Neonazi-Milieu haben das kollektive Schriftgedächtnis in Deutschland dennoch so tiefgreifend geprägt, dass der nationalsozialistische Kontext unwiederbringlich in ihrer Rezeption verankert ist. Der ideologische Missbrauch durch die Nazis hat den Niedergang der Fraktur beschleunigt, der jedoch aufgrund einer fortschreitenden Globalisierung, der europäischen Einigung und der damit verbundenen Notwendigkeit einer einheitlichen Schriftkommunikation ohnehin stattgefunden hätte. Evolutionäre Entwicklungen in den Lesestandards haben zwangsläufig eine funktionale Reduktion der Satzschriften mit sich gebracht. Als ehemalige Leseschrift ist mit der Fraktur eine Kulturtechnik verloren gegangen. Ob man die Verdrängung der gebrochenen Schriften hingegen mit einem tendenziellen Verfall der Schrift- und Lesekultur gleichsetzen will, ist nicht zweifelsfrei zu beantworten. Einerseits hat die Schriftkultur an ästhetischer Vielfältigkeit verloren, andererseits ist eine global etablierte Schriftkommunikation ein Gewinn für den Austausch in einer weltweit sich vernetzenden Lesekultur, über die der geistige Zugang zu fremden Kulturkreisen vereinfacht wird. Schriftkultur bleibt ein sich stets wandelnder Prozess und es bleibt abzuwarten, welche Entwicklungen die Zukunft nehmen wird.

Aktuelle Beispiele von Frakturschriften

Beispiele aktueller Fraktur-Anwendungen

Ausblick

Dennoch wäre es für den Erhalt einer kulturell-ästhetischen Vielfalt wünschenswert, wenn den gebrochenen Schriften auch langfristig ein dauerhafter typografischer Nischenplatz eingeräumt bleibt. Zweifelsohne stellt die Fraktur eine ästhetische Ergänzung und Bereicherung in der typografischen Gestaltung dar. Dazu ist es unabdingbar, sie über eine längst überfällige geschichtliche Aufklärung, von ihrer nationalsozialistischen Behaftung zu befreien. Nur auf diesem Weg kann eine offene, moderne Schriftkultur normativen Bestand haben.

Tyografie-Geschichte der Fraktur

Verwendete Literatur

De Jong, Stephanie / de Jong, Ralf (2008): Schriftwechsel. Schrift sehen, verstehen, wählen und vermitteln. Mainz: Herrmann Schmidt Verlag.

Eco, Umberto (1989): Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig: Reclam.

Flusser, Vilém (1992): Die Schrift. Frankfurt am Main: Fischer.

Forssmann, Friedrich (1993): Der Satz gebrochener Schriften. In: Kapr, Albert (1993): Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften. Mainz: Hermann Schmidt, S. 112-115.

Gutschi, Christian (1996): Psychologie der Schriften. In: Page. Hamburg, 8/1996, S. 54–56.

Kapr, Albert (1993): Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften. Mainz: Hermann Schmidt.

Welsch, Wolfgang (1996): Grenzgänge der Ästhetik. Stuttgart: Reclam.

Willberg, Hans Peter (2008): Wegweiser Schrift: Erste Hilfe für den Umgang mit Schriften. Was passt – was wirkt – was stört. Mainz: Hermann Schmidt Verlag; 3. Auflage.

Willberg, Hans Peter / Forssman, Friedrich (2005): Lesetypografie. Mainz: Hermann Schmidt Verlag.

Willberg, Hans Peter (1993): Vom falschen Image der Fraktur. In: Kapr, Albert (1993): Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften. Mainz: Hermann Schmidt, S. 101-104.

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